UMBRAIL – DER SCHWEIZERWEG

die schweizerische Grenzbesetzung 1914-1918

Folgen Sie den Spuren der schweizerischen Grenzsoldaten. Auf dem Weg zum Piz Umbrail und weiter zur Punta di Rims werden Sie solche finden. Der Weiterweg – über italienisches Staatsgebiet –  führt Sie nach einem Abstecher in einen der damaligen Stellungsräume der italienischen Artillerie wieder zurück auf die Umbrail Passhöhe.

In der näheren Umgebung des Pass Umbrail (Gehzeit  bis 45 Minuten) finden Sie auf unseren Informationstafeln Ausführungen zu nachfolgenden Themen:

    • Eine umfassende Einführung in die Situation während des Ersten Weltkriegs im unmittelbaren Grenzgebiet
    • Das schweizerische Grenzschutzdispositiv von der Dreisprachenspitze bis zur Punta di Rims
    • Taktische und gefechtstechnische Überlegungen des frühen 20. Jahrhunderts;
    • Unterkunfts- und Stellungsbauten;
    • Versorgung und Logistik der Truppen auf “Umbrail Mitte”.

Die Wegstrecke vom Piz Umbrail (3033 m.ü.M) zur Punta di Rims und zurück zu zum Pass vermittelt:

    • einen Überblick über die Ereignisgeschichte an der Ortlerfront;
    • eine Gesamtübersicht über die schweizerische Grenzbesetzung;
    • die Problematik der Grenzverletzungen und
    • die Bedeutung der italienischen Artillerie im Gebirgskrieg 1915-1918.

Ausgangs- und Endpunkt: Umbrail-Passhöhe
Marschzeit: 6 Stunden
Markierung: weiss-grün-rot
Anforderungen: gute Kondition, gute Trittsicherheit

 

 

STRECKENFÜHRUNG “UMBRAIL”

A: Ausgangspunkt mit Figurengruppe 1914-2014 – B: Logistische Einrichtungen “Umbrail Mitte” – C: Schützengraben – D: Unteroffiziersposten – E: Unterkunftsbau – F: Bridlerhorst – G: Italienischer Beobachtungsposten auf der Schweizer Grenze – H: Gipfel des Piz Umbrail, Übersicht über die Ortlerfront – I: Italienische Befestigungen mit Kavernenstellungen – K: Offiziersposten Punta di Rims – L: Grenzüberwachung zur Bochetta del Lago  und zum Passo dei Pastori – M: Italienischer Artilleriestellungsraum Bochetta di Forcola – N: Italienischer Stützpunkt bei der Quarta Cantoniera – O: Unteroffiziersposten “Splitterheim”.

eine wegbeschreibung aus militärhistorischer sicht

Eine ausführliche Beschreibung der Wegstrecke ist dem Wanderführer “Der militärhistorische Wanderweg Stelvio-Umbrail” ab Seite 36 zu entnehmen. Nachfolgende Ausführungen beleuchten Orte entlang des Weges und klären deren historische Bedeutung.

 

Der Ausgangspunkt …

Auf 2500 Metern über Meer befindet sich seit dem Sommer 2014 der neu gestaltete Ausgangspunkt des Umbrail-Weges. Als Denkmal und Informationspunkt zugleich konzipiert, wurde das Werk auf den Tag genau 100 Jahre nach der Mobilmachung der Schweizer Armee am 2. August 1914 eröffnet.

Gestaltet wurde der Platz auf dem Umbrailpass durch den Münstertaler Künstler Duri Fasser. Sieben Soldaten in ihren damaligen Uniformen leisten gemeinsamen Wachtdienst. Sie behüten das Wissen über die Ereignisse in der Dreisprachenregion. Im Zentrum stehen sich die beiden wichtigsten Schweizer Protagonisten des Ersten Weltkriegs, General Ulrich Wille und sein Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg gegenüber.

Die 16 Informationstafeln in sechs Sprachen (Deutsch, Rätoromanisch, Italienisch, Englisch, Französisch, Ungarisch) vermitteln das Wesentlichste. Deren inhaltliche Konzeption und graphische Darstellung verantwortet – wie bei allen Informationstafeln entlang der Wege der Schweizer Berufsoffzier und Initiant des “VEREINS STELVIO-UMBRAIL”, David Accola.

Anlässlich des Zentenars wurde die Figurengruppe auf dem Pass Umbrail mit Unterstützung vieler Helfer installiert.

Pass da l’Umbrail – Giogo di Santa Maria – Wormserjoch

Ein Passübergang mit drei Namen? Nichts Aussergewöhnliches am Begegnungspunkt dreier Sprach- und Kulturräume. Der Übergang von Santa Maria im Val Müstair nach Bormio (deutsch: Worms) im Veltlin war für den mittelalterlichen Warenverkehr von grosser Bedeutung, verlief über den 2500 m ü. M. liegenden Gebirgspass doch die kürzeste Verbindung zwischen Venedig und Mailand in den Raum nördlich der Alpen. Salz aus den Bergwerken des Tirols wurde zur Konservierung von Lebensmitteln in den Süden gesäumt, Weinfässer gelangten über den Saumweg in den Norden. Entsprechende Warentransporte waren schon damals straff organisiert und reguliert. Die Lieferkette verlief von Umschlagplatz zu Umschlagplatz wo die Güter zwischengelagert bzw umgeschlagen wurden. Säumer aus dem Tirol hatten bspw. das alleinige Recht, Waren aus Innsbruck oder Landeck über den Reschenpass ins Val Müstair zu transportieren. Dort übernahmen einheimische Säumer die Güter und führten diese über den Pass nach Bormio, wo wieder eine Übergabe an die nächste “Transportgesellschaft” erfolgte. Der Warenumschlag im Münstertal erfolgte in Sta. Maria wo die Güter in der Chasa Plaz zwischengelagert wurden – in den Räumen des heutigen “MUSEUMS 14/18”.

Von 1512 – 1797 gehörte das Veltlin zu den Untertanengebieten des Freistaats der Drei Bünde. Chiavenna (Cläven) – Piuro (Plurs) – Sondrio – Tirano und Bormio (Worms) gehörten also damals gewissermassen zum heutigen Kanton Graubünden, welcher erst 1803 als einstmals “zugewandter Ort” der Schweizerischen Eidgenossenschaft als “Vollmitglied” beitrat. Während 285 Jahren entsprach der Pass Umbrail also einer innerkantonalen Verbindung.

Graubünden als Freistaat in seiner Ausdehnung bis 1797. Die drei Veltliner Bezirke gehörten bis ins napoleonische Zeitalter zu den Untertanengebieten der Drei Bünde. Quelle: Wikipedia, Geschichte Graubündens.
Der Freistaat der Drei Bünde auf einer zeitgenössischen Karte des Fortunat Sprecher von Bernegg um 1618. Der nachmalige Geralstabschef der Schweiz während des Ersten Weltkriegs stammte in direkter Nachkommenschaft aus dieser bedeutenden Bündner Familie. Quelle: Familienarchiv von Sprecher
 

Unruhen und Aufstandsbewegungen anfangs des 19. Jahrhunderts im damals österreichischen Norditalien – vornehmlich in Mailand – bewogen das Haus Habsburg dazu, die Planung einer Heeresstrasse dorthin ins Auge zu fassen. Bei Bedarf sollten Truppen rasch nach Mailand verschoben werden können. Der österreichische Vorschlag, die Saumroute über den Pass auf eigene Kosten entsprechend auszubauen musste seitens der Schweiz abgelehnt werden. War das Vorhaben auch lukrativ, so gebot doch die anlässlich des Wienerkongresses 1815 erklärte Neutralität der Eidgenossenschaft den entsprechenden Vorbehalt. Eine befahrbare Strasse: ja gerne; eine Heeresstrasse für fremde Streitkräfte: kommt nicht in Frage! Die Folge daraus findet sich dann im Bau der Strasse über das Stilfserjoch. Diesbezüglich weiterführende Details finden sich auf der Seite “Trais Linguas”.

Der Bau der heutigen Fahrstrasse wurde 1901 in Angriff genommen und bereits drei Jahre später war der Pass zunächst für Fuhrwerke und wenig später auch für den spärlich aufkommenden, motorisierte Verkehr nutzbar.

Während des Ersten Weltkriegs erfolgte die Versorgung der Umbrail-Soldaten entlang dieser Route. Für den grenzüberschreitenden Verkehr war die Strasse gesperrt und während der schneereichen Monate transportierten nach wir vor die jetzt miltarisierten Säumer alle notwendigen Güter auf den Pass.

Bis zur Jahrhundertwende des 19. ins 20. Jahrhundert war das Saumwesen eine wichtige Einnahmequelle der lokalen Bevölkerung. Mit dem Ausbau der Saumwege zu befahrbaren Strassen nahm deren Bedeutung umgehend ab. Quelle: Wikipedia/Saumpfad
Wenige Meter unterhalb Plattatschas findet sich die Erninnerungstafel an den Bau der Umbrailstrasse, die von 1889 bis 1901 zur Fahrstrasse für Fuhrwerke erstellt wurde.
 

Kriegsnotwendige güter

Gemäss verlässlichen Quellen darf man davon ausgehen, dass auf dem Pass Umbrail zeitweise bis zu 600 Soldaten versorgt werden mussten. Diese Aufgabe bedurfte eines grossen logistischen Aufwands in den Höhestellungen und insbesondere auch im Tal. Dabei war die Zuführung von Lebensmitteln die kleinste Herausforderung. Wesentlich war der Nachschub von Holz – zum Bauen von Unterkünften oder zum Heizen dieser. Dem aufmerksamen Besucher der Passregion werden die spärlichen Wasserquellen auffallen. In den Wintermonaten versiegten diese mehrheitlich, sodass auch die Bereitstellung von Trinkwasser nur durch das Schmelzen von Schnee möglich war. Also bedurfte es einer zusätzlichen Menge an Brennmaterial.

Die Waldgrenze befand sich anfangs des 20. Jahrhunderts in dieser Region etwa auf 2000 m ü. M. Berechnungen zufolge bedurfte allein die Beheizung der Unterkünfte während der vier Kriegsjahre Holz aus einer Waldfläche von rund 90 Fussballfeldern. Die Bäume wurden in Nähe der Passstrasse geschlagen, gerüstet und gelagert. Der Umschlagplatz befand sich zwischen Plattatschas (heutiges Gasthaus “Alpenrose”) und der Punt Teal.

Der Gütertransport zur Passhöhe erfolgte unter Hilfe von Pferdekräften. Im Sommer auf Karren und im Winter auf Schlitten führten Saumkolonnen – wie im Mittelalter – die benötigten Güter auf die Passhöhe. Die Stallungen der Trainpferde befanden sich für einige Tiere im Tal, für das Gros aber auf der Alp Muraunza. Der dortige Verlauf des Bergbachs (Muranzina) ermöglichte das regelmässige Tränken der Pferde. Die Grundmauern der Stallungen sind heute noch problemlos erkennbar.

Der Nachschub an Brennholz beanspruchte Männer, Tiere und den Waldbestand. Zum Transport eingesetzte Trainkolonnen auf dem Marangun da la Prasüra. Pferdeschlittenpark der Kompanie IV/93 im Winter 1915/1916. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Transportkolonne in unmittelbarer Nähe des heutigen Gasthauses Plattatschas im Winter 1915/196. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 
Das Gasthaus auf der Alp Muraunza (hier eine Abbildung um 1920) war neben dem Hotel auf der Dreisprachenspitze die einzige feste Unterkunft entlang der Versorgungsstrecken. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18

Umbrail-Mitte: der logistische dreh- und angelpunkt

Wenige Meter vor der Passhöhe erkennen wir – aus der Val Müstair kommend linkerhand – Grundmauern und befestigte Wegspuren. Diese befinden sich rund 100 Meter links der Fahrstrassen unmittelbar vor dem Passübergang und sind nicht zu übersehen.

Dabei handelt es sich um einen sechsteiligen Gebäudekomplex der in den Akten als “Umbrail-Mitte” bezeichnet wurde.

Hier stand die zentrale Küche, ein Krankenzimmer, Materialmagazine, ein Unterstand für wenige Pferde und entsprechend notwenige Unterkünfte für das Betriebspersonal. Die spärliche Wasserquelle, die Nähe zur Passtrasse und der sicherheitsgewährende Standort am militärischen Hinterhang waren sicherlich Grund dazu, das logistische Zentrum der Umbrail-Soldaten hier zu errichten.

Umbrail-Mitte auf einer Drohnenaufnahme (2013) des Archäologischen Dienstes des Kantons Graubünden. Von links nach rechts: Pferdestall, Unterkunftsgebäude “Stafelegg”, Krankenzimmer, Küchengebäude. Im Bild ganz rechts erkennbar ist die Wasserquelle, welche für die Standortwahl massgebend war.
Der “Gebirgsumschlagplatz” Umbrail-Mitte in den ersten Kriegstagen. Von den Infrastrukturen ist noch nichts zu sehen, lediglich die Hirtenhütte links der Strasse ist erkennbar. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 
Der Küchentrakt im Winter 1915/1916. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 

Eindrücklich und Nicht zu übersehen – Das Grabensystem

Das Grabensystem zwischen der Passhöhe und dem Fuss des Piz Umbrail erstreckt sich durchgehend auf einer Länge von gut einem Kilometer. Von der Passhöhe aus sind die ersten 400 Meter dieser “Schlangenlinie” gut erkennbar. Der Lauf- und Schützengraben verläuft wenige Meter diesseits der eigentlichen Landesgrenze und wird von zahlreichen Sappen “unterbrochen”.  Als Sappen bezeichnet man die auffälligen Einbuchtungen der Linie die dem zusätzlichen Schutz der Besatzung dienten.

Das Grabensystem am Umbrailpass auf einer Drohnenaufnahme (2013) des Archäologischen Dienstes des Kantons Graubünden. Im rechten Bilddrittel  erkennt man die Stellungsbauten unmittelbar an der Grenze, links am Hinterhang die Grundmauern der Unterkunftshütten und die Zugangswege zu den Stellungen.
Sappen und deren Schutzfunktion

Die Anlage eines gerade verlaufenden Kampfgrabens war natürlich sehr viel weniger arbeitsaufwendig als jene der gesappten Variante. Die Schutzfunktion war aber massiv eingeschränkt. Gelang es dem Gegner, in einen gradlinigen Graben einzudringen, befanden sich alle Verteidiger im gleichen Schussfeld. Die Feuerwirkung des Eindringlings war entsprechend gross und die verteidigenden Soldaten hatte keine Möglichkeit, eine Deckung aufzusuchen. Auch bei indirektem Beschuss durch einschlagende Artillerie- oder auch Handgranaten konnte der Splitterwirkung wenig Einhalt geboten werden.

Beim schlangenartig angelegten, durch Sappen unterbrochenen Grabensystem konnten diese Risiken minimiert werden. Im Geschosswirkungsfeld befanden sich vielleicht drei oder vier Soldaten und nicht deren 30 wenn wir von einer Besetzung der Stellung in Zugstärke ausgehen.

Die gesappte Variante fand vornehmlich dort Anwendung, wo defensiv ausgerichtete Gräben zu einem gesamthaften Verteidigunssystem gehörten. Deren Anlage wurde langfristig geplant und gefechtstechnisch optimal – also entlang einer Kammlinie – ausgeführt. Der Zugang erfolgte über den entsprechenden Hinterhang wodurch auf den Bau von zusätzlichen Laufgräben verzichtet werden konnte. Gräben hingegen, welche offensiven Charakters waren und lediglich vorübergehenden Schutz gewähren sollten wurden gradlinig erstellt und kaum befestigt. Sie dienten dem punktuellen Schutz kleiner Detachemente und waren nur ausnahmsweise Teil eines Gesamtkonzepts.

Der untere Teil des Grabensystems wie er sich von der Passhöhe aus zeigt. Am höchsten Punkt erkennt man die Bauten rund um den Unteroffiziersposten Nr. 7.
Detailansicht des Kampfgrabens im oberen Bereich mit gut erkennbarem “Tritt”, einer Treppenstufe die als Schiesspodest genutzt wurde.
 
Symbolhafte Darstellung der unterschiedlichen Bauweise des Grabensystems. Skizze: Accola

Die Umbrailstellung als Teil des Verteidigungskonzepts

Um sich der Bedeutung der Stellungen auf dem Pass Umbrail bewusst zu werden, bedarf es des Verständnisses des grossräumig angelegten Konzepts zur territorialen Verteidigung des Kantons Graubünden während des Ersten Weltkriegs. Diese basierte einerseits auf einer Bedrohungsannahme und andererseits der Überzeugung, dass das Gelände der stärkste Verbündete des Verteidigers sei.

Die Bedrohungsannahme

Theophil Sprecher von Bernegg, der damalige Chef der Generalstabsabteilung, beurteilte die europäische Lage für die Schweiz bereits im Jahre 1906 sinngemäss folgendermassen:

  • ein Krieg zwischen Frankreich (Entente) und dem Deutschen Kaiserreich (Dreibund mit Österreich-Ungarn und Italien) ist wahrscheinlich;
  • ein Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Italien ist denkbar, wenn Italien die “Seite” zur Entente wechselt und so seine territorialen Interessen umsetzen kann;
  • Italiens territoriale Interessen umfassen grundsätzlich alle italienisch- und ladinischsprachigen Gebiete – basierend auf der irredentistischen Vorstellung, dass eine gleichsprachige Bevölkerung dem gleichen Staat zugehören soll. Entsprechende Interessenräume gab es auch in der Schweiz, das Tessin in erster Linie aber natülich auch die Bündner Südtäler und das Engadin.

Als entsprechend geeignete Bereitstellungsräume für einen Einfall in den Kanton Graubünden – das Tessin klammern wir jetzt bewusst aus – boten sich den italienischen Kräften an:

  • Der Raum Chiavenna – mit der Möglichkeit direkt ins Bergell vorzustossen oder über den Splügenpass Mittelbünden zu erreichen;
  • Das untere Veltlin (Sondrio-Tirano) – mit der Möglichkeit über Poschiavo und den Berninapass ins Oberengadin vorzustossen;
  • Das obere Veltlin (Bormio-Livigno) – mit der Möglichkeit über den Umbrail das Münstertal und den nördlichen Teil Südtirols (damals Österreich-Ungarn) zu erreichen oder direkt nach Zernez vorzustossen.

Wäre das Engadin in der Hand der italienischen Eindringlinge, würde deren Absicht sicher darin bestehen, die innerbünderischen Alpenpässe (Julier, Albula und Flüela) zu besetzen und dort den notwendigen Flankenschutz sicherzustellen.

Italienische Angriffsoptionen zum Vorstoss ins Trentino und Südtirol. In roter Farbe dargestellt jene Optionen, welche unter Nutzung des schweizerischen Territoriums zur Umgehung österreichischer Verteidigungsstellungen genutzt werden konnten. Karte: Accola, publiziert im Beitrag Fuhrer zur Festschrift Rauchensteiner (Politik und Militär im 19. und 20.Jahrhundert), 2017.
Das operative Konzept zur Verteidigung des Kantons Graubünden

Sprechers Konzeption war dementsprechend ausgerichtet. Italienische Truppen sollten grenznah aufgefangen und deren Vorstoss zeitlich so verzögert werden, dass schweizerische Truppenkontingente eine erste Verteidigungslinie beziehen konnten. Diese Idee galt sowohl für die Stufe Bataillon als auch für Brigaden oder gar Divisionen. Wenn wir diese Absicht nun für den Raum Unterengadin – Val Müstair anwenden ergibt sich räumlich nachfolgende Anordnung.

Auf dem Pass Umbrail soll der Angreifer während Stunden durch eine sogenannte Vorpostenkompanie aufgefangen werden um der Reserve im Val Müstair (eine Kompanie des Vorpostenbataillons) genügend Zeit zu verschaffen, eine zweite Verteidigungsstellung auf Höhe der Waldgrenze bei Plan Teal zu beziehen.

Deren Aufgabe war es, den Gegner während Tagen aufzuhalten und dadurch die notwendige Zeit zu gewinnen, dass Truppen der Brigade aus Samedan die Verteidigungsstellung bei Ova Spin (an der Ofenpassstrasse) beziehen konnten.

Deren Aufgabe wiederum war die Verzögerung um Wochen, wordurch Divisionstruppen die inneren Bündnerpässe zur Verteidigung einrichten und beziehen konnten.

Das starke Gelände machte die Umsetzung dieser Absicht glaubhaft und der Aufwand an Material und Soldaten war für einen Angreifer enorm um nicht viel zu gross zu sagen.

Operatives Konzept zur Verzögerung eines italienischen Vorstosses nach Graubünden. Darstellung: Accola, MUSEUM 14/18, Sonderausstellung 2014.

Die erste Verteidigungslinie – Das “UMBRAIL-Dispositiv”

Es entspricht eigentlich nicht der Gepflogenheit operativer Führer, auf gefechtstechnischer Ebene festzulegen, wie deren Absicht umgesetzt werden soll. Die Ausnahme bestätigt bekanntlich aber die Regel – und am Umbrail finden wir die entsprechende Bestätigung. Der Entschluss für den Kompanie-Einsatz wurde auf höchster Stufe gefällt. Der Generalstabschef befahl höchstpersönlich, wie sein Verteidigungskonzept auf dieser Höhe durch den einzelnen Offizier und Soldaten umzusetzen sei. Warum sich von Sprecher zu diesem “Fauxpas” hinreissen liess, ist nicht quellenbelegt – aber es gibt plausible Gründe zu dessen versuchter Begründung.

  • Von Sprecher kannte die Region als Bündner wie seine Hosentasche. Der ihm unterstellte Brigadekommandant Otto Bridler genoss zwar sein absolutes Vertrauen aber die zum Einsatz befohlenen Truppenkörperkommandanten kannten diese Gegend bestenfalls vom Hörensagen.
  • Von Sprecher kannte die Felddienstordnung, hatte er diese doch massgeblich mitverfasst und wusste, auf welcher Stufe welche Kompetenzen angesiedelt waren. Darauf basierend wollte er mit grosser Wahrscheinlichkeit verhindern, dass auf Grund einer “Unachtsamkeit eines schiessfreudigen Offiziers” die Lage eskalierte. Ein Kriegszustand zwischen Italien und der Schweiz – verursacht auf einer unwirtlichen und für die Eidgenossenschaft wenig bedeutsamen Passhöhe – musste verhindert werden.
Theophil Sprecher von Bernegg
1850-1927
Chef der Generalstabsabteilung (1905-1914) bzw. Generalstabschef von 04.08.1914-30.06.1919
Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Otto Bridler
1864 – 1938
Kommandant der Gebirgsbrigade 18
Kommandant der 6. Division (1917-1924)
Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18

 

 

Sprechers Befehl vom 23. Mai 1915, am Tag der italienischen Kriegserklärung an den österreichischen Kaiser lautete folgendermassen:

“Bei Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Österreich & Italien sind baldige Kämpfe am Stilfser-Joch zu erwarten. Es wird daher folgendes befohlen:

  1. Die Besetzung des Münstertales (einschliesslich der an die Grenze vorgeschobenen Einheiten & Postierungen) ist auf ca. 1 Bataillon zu erhöhen.
  2. Nach dem Dreisprachenspitz & nach dem Ostabhang des Piz Umbrail ist je ungefähr eine Kompanie als ständige Besatzung zu entsenden. (Postierung auf der Punta di Rims). Die beiden Kompanien richten sich zur Verteidigung ein.
  3. Die schweiz.-österreichisch-italienische Grenze ist vom Rötelspitz über Dreisprachenspitz bis Piz Umbrail durch einen Drahtzaun zu sperren & deutlich erkennbar zu machen.”
Theophil von Sprechers “Befehl betreffend Besetzung des Münstertals” vom 23. Mai 1915. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Soldaten im Val Müstair

Das Bataillon bezog sein Hauptquartier in Sta. Maria und belegte mehrere Häuser im Dorf, darunter die Chasa Parli, die Chasa Plaz und das “Crusch Alva”.

Zwei Einheiten des Bataillons verblieben im Tal und stellten die Sicherungsposten auf der Alp Clastra (zwei Unteroffiziere mit sieben Füsilieren), beim Grenzübergang in Müstair (ein Offizier, drei Unteroffiziere und 18 Füsiliere). Auch stellten diese zwei Einheiten die Besetzung der Unteroffiziersposten beim Haus Plan Teal (Restaurant Alpenrose an der Umbrailstrasse) und beim Gasthaus Muraunza. Letztere beiden Posten waren für die Organisation und Ausführung notwendiger Warentransporte auf den Pass zuständig und entsprechend mit Wegmachern, Säumern, Telefoniste und natürlich zahlreichen Tragtieren, Karren und Schlitten verstärkt. Über den Daumen gepeilt hielten sich an diesen beiden Standorten jeweils 10-12 Soldaten auf.

Eine weitere Aufgabe im Tal bestand im Schutz der militärischen Unterkünfte und Einrichtungen und in der Durchsetzung einer entsprechenden Ordnung im Rahmen des Dienstbetriebs. Diese Aufgabe wurde von der lokalen Ortswache wahrgenommen.

Verbleibende, im Tal untergebrachte Soldaten beschäftigten sich mit oft eintöniger Ausbildung, wurden zur Holzaufbereitung eingesetzt oder unterstützten die lokale Bevölkerung – insbesondere während der Erntezeit – bei entsprechenden Aufgaben. Oftmals wird vergessen, dass natürlich auf die Männer aus der Val Müstair militärisch eingezogen waren, was auch für die Pferde, welche die bäuerliche Arbeit ansonsten unterstützten, galt.

Eine Marschkolonne auf dem Weg von Sta. Maria zu den Stellungen am Pass Umbrail. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Die Ortswache auf dem Hauptplatz von Müstair. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 
Soldaten besetzen die Grenze

Auf dem Pass selbst richteten sich zwei Einheiten zur Sicherung der Grenze ein. Zentrum des Grenzschutzdispositivs war die eigentliche Passhöhe.

Auf der Punta di Rims wurde ein Offiziersposten eingerichtet welchem die Aufgabe oblag, die nach Norden verlaufende Grenze hinsichtlich der italienischen Aktivitäten zu überwachen und insbesondere deren Massnahmen im naheliegenden Artilleriestellungsraum “Bochetta di Forcola” zu rapportieren.

Ein weiterer Offiziersposten wurde auf der Dreisprachenspitze bezogen. Weiterführende Aussagen zu diesem “Brennpunkt der Grenzbesetzung” finden sich in den Ausführungen zum Wegstück “Trais Linguas”.

Den Schutz der Grenze zwischen diesen beiden “Eckpfeilern” oblag den sogenannten Unteroffiziersposten, welche entlang des Grabensystems errichtet wurden. Diese Posten waren jeweils durch eine Gruppe (ein Unteroffizier und acht Soldaten) besetzt und beobachteten die Aktivitäten in unmittelbarer Grenznähe. Vielfach kam es dabei zum persönlichen Kontakt zwischen Alpini und Füsilieren, oftmals wurden Erinnerungsstücke oder auch Lebensmittel ausgetauscht. Von Feindseligkeiten gab es keine Spur. Herausfordernd wurde die Situation nur dann, wenn Italiener versuchten die Grenze zu passieren – nicht mit feindlicher Absicht sondern vielmehr im Willen, den Wehrdienst zu quittieren und in der Schweiz interniert zu werden. Die Anzahl Fahnenflüchtiger ist beträchtlich und das Risiko, welches sie eingingen war sehr gross. Gelang ihnen die Flucht über die Grenze, war ihnen der Schutz gewiss, misslang dieses Vorhaben aber, wurden die Deserteure oftmals standrechtlich durch deren Kameraden erschossen.

Das Grenzschutzdispositiv zwischen der Punta di Rims und der Dreisprachenspitze. Abbildung aus: Accola/Fuhrer, Stilfserjoch-Umbrail 1914-1918, Dokumentation, Militärgeschichte zum Anfassen, Au, 2000.
Angehörige des Glaner Füsilierbataillons 85 betreiben im Sommer 1916 den Unteroffiziersposten Nr 2 beim Grenzstein Nr. 7. Bild: Sammlung Jenny, Archiv: MUSEUM 14/18.
Gefechtsexerzieren des Gebirgsfüsilierbataillons 76 im Sommer 1917 im Grabensystem am Umbrail. Bild: Sammlung Müller, Archiv MUSEUM 14/18.
 

Von Offiziers- und Unteroffiziersposten

Die mit dem Schutz der Grenze beauftragten Vorpostenkompanien organsierten sich in Form unterschiedlicher Posten mit entsprechenden Kompetenzen. Offiziersposten wurden auf der Punta di Rims und auf der Dreisprachenspitze bezogen. Diese Stützpunkte verfügten über eine hohe Versorgungsautonomie und deren Chefs – in der Regel erfahrene Oberleutnants – führten an die 50 Mann auf diesen Höhenstellungen. Die Kompetenz der kommandierenden Offiziere wurde in der Felddienstordnung 1914 festgelegt – insbesondere deren Ermächtigung zur Aufnahme eines Feuergefechts im Fall eines gegenerischen Angriffs.

Unteroffiziersposten wurden in der Regel von acht Mann unter Führung eines Wachtmeisters oder Korporals besetzt. Deren Aufgabe bestand darin, gegnerische Aktivitäten entlang der Grenze zu beobachten und bestenfalls rückwärtige Verstärkungen zu alarmieren. Die Aufnahme eines erwidernden Feuergefechts lag nicht in deren Kompetenz und bedurfte der Zustimmung des Einheitskommandanten. Dieser wiederum sollte ein entsprechendes Einverständnis beim Bataillon einholen.

Der Offiziersposten auf der Dreisprachenspitze, Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 
Der Unteroffiziersposten Nr 2 beim Grenzstein Nr 7 im Winter. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 

Dächer über den Köpfen der Umbrailsoldaten

Die dauerhafte Präsenz von Truppen in den Höhenstellungen ab Mai 1915 verlangte nach soliden, wintertauglichen Unterkünften.  Der Schutz vor Witterungseinflüssen war zentral, der Bedarf nach Wärme überlebenswichtig. Schneemengen von bis zu vier Metern und Temperaturen bis zu 40 Grad unter Null gehörten während der langen Winter nicht zu Ausnahmeerscheinungen. Ausgibige Regenfälle, Blitz und Donner verlangten auch im Sommer nach trockenen, windgeschützen Unterständen.

Im August 1914 suchten die Umbrail-Soldaten Schutz in Erdgräben, über welche Zeltplanen gespannt wurden. Rasch aber musste ein Unterkunftskonzept umgesetzt werden, welches einen Verbleib während der Wintermonate möglich machte. Grenznah verfügbare Unterkünfte gab es nur ganz wenige: auf der Dreisprachspitze stand ein Hotel, welches sich in österreichischem Besitz befand, die 4. Cantoniera (Strassenmeisterei am Zollübergang) befand sich in Italien und wurde durch die Finanzwache genutzt. Auf dem Pass Umbrail stand mit Ausnahme einer Hirtenhütte gar nichts und das Gasthaus Muraunza war klein und hatte seine besten Tage nach dem Rückgang des Saumverkehrs längst hinter sich.

Während des Winters 1914/1915 reduzierte Bridler die Präsenz an der Grenze derart, dass keine Truppen am Umbrail untergebracht werden mussten. Die Passstrassen waren alle geschlossen (Wintersperre) und zwischen Italien und Österreich-Ungarn gab es ja (noch) keine Zwistigkeiten. Mit der italienischen Kriegserklärung an den österreichischen Kaiser am 23. Mai 1915 änderte sich dies schlagartig und die neue Lage bedurfte der im Befehl des Generalstabschefs (siehe oben) festgelegten Massnahmen.

Eine rege Bautätigkeit an Stellungen und Unterkünften nahm nun ihren Lauf, der bis Kriegsende dauern sollte.

Die Unterkunftshütten am Hinterhang in einer Gesamtübersicht. Feldpostkarte von J. Gadient, datiert 9. August 1916. Bild: Sammlung Gustin, Achiv MUSEUM 14/18.
Angehörige des Landwehrbataillons 164 errichten die Unterkunft “Stafelegg” auf Umbrail-Mitte. Bild: Sammlung Gustin, Archiv MUSEUM 14/18.
Infanteristen beim Bau des Stellungssystems in unmittelbarer Nähe der Passhöhe. Bild: Sammlung Gustin, Archiv MUSEUM 14/18.
 
Die “Alvierhütte” gehörte zu den grössten Unterkunftsgebäuden. Die Namensgebung lässt darauf schliessen, dass St. Galler Truppen diese Hütte erstellten. Bild: Sammlung Gustin, Archiv MUSEUM 14/18.
Der “Lange Fritz” – benannt nach dem Bataillonskommandanten Major Fritz Baumann. Dieser kommandierte das Bataillon 76 bis Ende 1914, führte seine Truppe also nicht auf dem Umbrail. Warum ihm die Ehre einer Namensgebung erteilt wurde ist unbekannt. Bild: Sammlung Gustin, Archiv MUSEUM 14/18.
 
Lage und Namen sämtlicher Unterkunftshütten und Stellungsbauten auf dem Pass Umbrail und der Dreisprachenspitze. Darstellung: Accola

der italienische beobachtungsposten am Piz Umbrail

Die militärhistorisch interessante Wanderroute verlässt den offiziellen Wanderweg auf Höhe des “Bridlerhorsts” und führt links ansteigend über markante Blockfelder auf den Südostgrat des Piz Umbrail. Diese Routenführung wird von Skitourengängern auch als “Winterweg” bezeichnet, da die Querung der Ostflanke des Piz Umbrail (Sommerweg) im Winter oftmals zu riskant ist. Diese Wegspur zum Gipfel erfordert im Sommer gute Trittsicherheit. Er ist erfahrenen Berggängern vorbehalten und die Route ist stellenweise mit Ketten und Seilen abgesichert. 

Auf einer Höhe von 2840 m ü. M. stossen wir auf einen italienischen Beobachtungsposten, welcher in einem dominanten Felszahn erstellt wurde. Dieser Felszahn liegt haargenau auf der Landesgrenze und es war lange umstritten, ob sich diese Aussichtswarte nun auf italienischem oder schweizerischem Hoheitsgebiet befindet. Aktuellste Kartengrundlagen vermessen den Punkt aber auf italienischem Gebiet, wenn auch nur um ganz wenige Meter.

Der Zugang zum italienischen Beobachtungsposten erfolgt über ein wegloses Blockfeld. Der Verlauf der Route ist aber gut markiert.
Der Zugang zum eigentlichen Posten wurde durch eine gedeckte Holzbrücke derart gesichert, dass keine Absturzgefahr besteht.
 

Die Besetzung dieses Beobachtungspostens ist sehr schlecht dokumentiert. Es gibt in italienischen Archiven keine Dokumente, welche diesbezüglich Auskunft geben. Aus Darstellungen des schweizerischen Nachrichtendienstes wissen wir aber, dass der Posten von der italienischen Flankenstellung auf der Punta di Rims aus betrieben wurde. Der Zugang erfolgte entlang einer heute nicht mehr auffindbaren Wegspur entlang des Fusses der Südwand des Piz Umbrail. Der Umstand, dass sich keine weiteren Infrastrukturen in unmittelbarer Nähe des Postens finden lässt darauf schliessen, dass dieser Ort nur sporadisch als Beobachtungsstandort bezogen wurde.

Die dorthin von der III Cantoniera hinführende Telefonleitung lässt aber darauf schliessen, dass diese Beobachtungswarte im Rahmen der Abwehr eines österreichischen Angriffs zur Feuerleitung der Artillerie von grosser Bedeutung war.

Der Blick aus dem Felsenfenster des Beobachtungspostens. Den Italienern war es bei guter Sicht möglich, Aktivitäten der Schweizer Soldaten am Hinterhang festzustellen und zugleich Bewegungen im Vorfeld des Stilfserjochs zu erkennen.

Die Ortlerfront

Auf dem Gipfel des Piz Umbrail (3034 m ü. M.) vermittelt das eindrückliche Panorama Richtung Süden einen Blick auf den Verlauf der damaligen Front entlang des Horizonts.

Die vom Gipfel des Piz Umbrail erkennbaren Stellungsorte entlang der Ortlerfront: Auf untenstehender Skizze mit Sternen dargestellt sind die italienischen Stellungen, mit schwarzen Punkten jene Österreich-Ungarns.
Skzziertes Gipfelpanorama vom Piz Umbrail nach Süden; Darstellung: Accola

Vom Piz Umbrail zur Punta di Rims

Eine Vielzahl an Wandernden verlässt den Gipfel in nordöstlicher Richtung um via den Lai da Rims wieder ins Tal abzusteigen. Auch wenn dieses Juwel der Val Müstair unbedingt einmal besucht werden sollte – die militärhistorische Route folgt vom Gipfel dem Grenzgrat in südöstlicher Richtung.

Die Grenze verläuft entlang des Grates, dem Spi da Rims. Die Wegspur folgt meist entlang der nordlichen Flanke, wenige Meter unterhalb des Grates.
Der Blick auf den 500 Meter tiefer liegenden Lai da Rims begleitet uns entlang des Spi da Rims.
 

die italienische flankenstellung

Am tiefsten Punkt des Grates, kurz vor dessen erneutem Aufschwung zur Punta di Rims, verlässt eine Wegspur den Grat in südlicher Richtung. Diese Wegspur verläuft exakt entlang eines einstigen Drahthindernisses, welches die Italiener zum Flankenschutz ihrer dahinterliegenden Artilleriestellung errichtet hatten. Am Hinterhang finden sich Grundmauern ehemaliger Unterkunftsgebäude und im vor uns liegenden Felsturm erkennt man die Aussichtsluken dortiger Beobachtungsposten.

Die Flankenstellung mit dem gut erkennbaren Verlauf des Drahthindernisses.
Die Flankenstellung von der Punta di Rims aus gesehen. Gut erkennbar: die Befestigung am Hinterhang.
 

Der Offiziersposten auf der Punta di Rims

Der Blick vom Gipfel der 2945 Meter hohen Schuttpyramide der Punta di Rims nach Südosten klärt die Frage, warum die Schweiz hier einen abgelegenen Offiziersposten betrieb. Zu Füssen liegt der italienische Artilleriestellungsraum “Bochetta di Forcola”. Der Zugang zu diesem Posten erfolgte über den bisher zurückgelegten Weg. Jedes Stück Brenn- und Bauholz musste auf Schusters Rappen hier hin transportiert werden. Tragtiere konnten nur bis an den Wandfuss des Piz Umbrail (Höhe des Bridler-Horsts) eingesetzt werden. Wasser war insbesondere während des Sommers Mangelware – Regenfälle waren entsprechend sehr willkommen. In welcher Form die nahe, auf italienischem Grund liegende Quelle genutzt wurde ist nicht dokumentiert. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass der rege Warenaustausch zwischen den Italienern und Schweizern auf dem Gipfel auch gelegentlich Fässer mit Trinkwasser beinhaltete.

Verbliebenes Mauerwerk der italienischen Unterkünfte auf der Punta di Rims. Aufnahme ab dem Grenzstein Nr. 12. Erkennbar ist der weitere Grenzverlauf entlang des Grates und an dessen tiefstem Punkt die “Bochetta del Lago”, welche mittels Patrouillengängen durch die Gipfelbesatzung überwacht wurde.
Der Grenzgrat mit dem entsprechenden Grenzstein mit den schweizerischen Unterkünften.
Blick von den schweizerischen Unterkünften zum Gipfel der Punta di Rims.
 

Der Artilleriestellungsraum “Bochetta di Forcola”

Die kavernierten Geschütze entlang des Grats von der Punta di Rims zum rund 300 Meter tieferliegenden Übergang gehörten zur Geschützgruppe Forcola. Weitere Geschütze standen auf dem Monte Braulio und dem Corne di Radisca. Geschütze und Munition wurden über fest angelegte Fahrstrassen aus dem Valle di Fraéle in diese Höhenstellungen gebracht, Fahrstrassen, welche heute noch in gutem Zustand sind.

Ansicht des Stellungsraums im Abstieg von der Punta di Rims. Das feste Gebäude wurde als Kaserne für die Besatzung erbaut.
Blick aus einer Geschützkaverne auf die österreichisch besetzte Naglerspitze.
 
Der zum Schutz der Artilleriestellung errichtete Infanteriegraben mit solider Betonabdeckung.
Neben kavernierten Geschützen wurden auch offene Geschützstellungen bezogen. Deren Podeste erkennt das geschulte Auge auf Anhieb.
 
Wirkungsräume der eingesetzten Artillerie. Die Darstellung ist nicht abschliessend. Geschütze aus dem Raum Forcola konnten zwar bis nach Trafoi wirken, dies aber nur unter Inkaufnahme einer schweizerischen Grenzverletzung. Abbildung aus: Accola/Fuhrer, Stilfserjoch-Umbrail 1914-1918, Dokumentation, Militärgeschichte zum Anfassen, Au, 2000.

Von der “Bochetta di Forcola” zur IV Cantoniera

Der Abstieg erfolgt während kurzer Zeit steil abfallend Richtung Valle del Braulio. Die zuvor beschriebene Flankenstellung südlich umgehend, passiert der Weg bald einmal den Rio del Gesso (Gipsbach) und den Baitello del Cögno (Viehstall). Auf gleicher Höhe verbleibend erreichen wir nach gut 1, 5 km die Umbrailstrasse beim italienischen Grenzübergang.

Der italienische Stützpunkt bei der IV Cantoniera und das “splitterheim”

Zum Unterhalt der Stilfserjoch-Strasse wurden schön während deren Bauzeit Strassenmeistereien – italienisch Cantoniere (plural) – errichtet. Entlang der Strecke von Bormio bis auf die Passhöhe waren es deren vier, welche durch entsprechende Nummern bezeichnet wurden. Am Grenzübergang zur Schweiz stand diese Vierte, die Quarta Cantoniera. In dieser Cantoniera wurden zu friedlichen Zeiten auch der ganze Zollverkehr abgewickelt – Ausweiskontrollen gab es Anfangs des 20. Jahrhunderts in ganz Europa noch keine – geldeinbringend war der grenzüberschreitende Warenverkehr.

Mit Kriegsausbruch wurde diese Cantoniera zu einem militärischen Stützpunkt ausgebaut und durch Drahthindernisse, Schützengräben und Waffenstellungen geschützt. Der Verlauf dieser Befestigungen ist heute noch gut erkennbar. Ebenso bezeugen auffindbarer Geschosskrater den österreichischen Beschuss dieses Stützpunkts.

Allerdings war der artilleristische Beschuss des unmittelbar an der Schweizergrenze liegenden Gebäudes mit dem Risiko der Neutralitätsverletzung verbunden, so dass die Anzahl entsprechender Angriffe überschaubar blieb. Doch hinterliessen Sie bei den Schweizer Soldaten sicherlich Eindruck. Der in unmittelbarer Nähe betriebene Unteroffiziersposten erhielt im Soldatenjargon dann auch die Bezeichnung “Splitterheim” – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Luft hier häufiger “bleihaltig” war als anderswo am Umbrail.

Die Grenzsituation bei der IV Cantoniera und Lage des Unteroffizierspostens “Splitterheim”. Darstellung: Accola
Die Befestigungen rund um die Cantoniera. Im Vordergrund der Weg zur Dreisprachenspitze, entlang diesem das “Splitterheim”. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
 

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