Trais Linguas – das einstige dreiländereck

ÖSTERREICH-UNGARN IM KAMPF UM DAS STILFSERJOCH

Bis zum Jahre 1918 verlief quer zum Pass des Stilfserjochs die Grenze zwischen Italien und der österreichisch/ungarischen Doppelmonarchie. Eine Grenze, um welche während der Jahre 1915-1918 erbittert gekämpft wurde. Folgen Sie den heute noch auffindbaren Spuren dieser bewegten Zeit. Das Wegstück “Trais Linguas” (drei Sprachen) soll Ihnen dabei die Sichtweise Österreich-Ungarns näherbringen.

In der näheren Umgebung der Dreisprachenspitze werden folgende Themen beleuchtet:

    • das Verteidigungsdispositiv Österreich/Ungarns;
    • die altösterreichischen Truppen im Kampfraum des Stilfserjochs;
    • der Krieg auf Gipfeln und Graten entlang der Ortlerfront;
    • die Unterkunfts- und Versorgungslage;
    • Grenz- und Neutralitätsverletzungen – die Rolle der Schweiz;
    • die Bedeutung der österreichischen Artillerie im Gebirgskrieg 15/18.

Ausgangs-  und Endpunkt: Stilfserjoch – Passhöhe (Zugang vom Pass Umbrail über Schweizer Gebiet möglich)
Marschzeit: 2 ½ Stunden (ab Stilfserjoch)
Markierung: weiss-grün-rot
Anforderungen: leichter Spaziergang

STRECKENFÜHRUNG “TRAIS LINGUAS”

A: Ferdinandshöhe (Stilfserjoch) – B: Dreisprachenspitze – C: Hotel Dreisprachenspitze – D: Österreichisch-Ungarische Gedenktafel – E: Lempruchlager – F: Unteroffizersposten “Hungerburg” – G: Artilleriestellungsraum “Goldsee” – H: “Schweizergraben” – I: Unteroffiziersposten “Frohburg” – K: Saumweg zum Pass Umbrail

EINE WEGBESCHREIBUNG AUS MILITÄRHISTORISCHER SICHT

Eine ausführliche Beschreibung der Wegstrecke ist dem Wanderführer “Der militärhistorische Wanderweg Stelvio-Umbrail” ab Seite 55 zu entnehmen. Nachfolgende Ausführungen beleuchten Orte entlang des Weges und klären deren historische Bedeutung.

Das Stilfserjoch und sein Strassenbau

Ein Strassenbauwerk der Extraklasse! Erbaut innerhalb von sechs Jahren von 1820-1826 unter der Leitung des k.k. Bauadjunkten Carlo Donegani, der 1840 als Carl Donegani vom Stilfserberg in den österreichischen Adelsstand erhoben wurde. 48 Kehren auf der Nordostrampe (Prad im Südtirol) bzw 34 Haarnadelkurven unterbrochen von sechs Tunnels führen aus dem Veltlin (Bormio) auf den höchsten, befahrbaren Alpenpass. Die Stilfserjoch-Strasse zieht heute jährlich hundertausende von Fahrradenthusiasten und Motorradfreunde an, so dass während der Sommermonate auf dem 2757 m ü. M. liegenden Pass kaum ein freier Parkplatz zu finden ist. Soviel zu den Fakten, aber wie kam es überhaupt dazu, ein derart herausforderndes Strassenprojekt anzugehen?

Carlo Donegani (1775 – 1845), Erbauer der Stilfserjochstrasse ( Bauzeit: 1820-1826) und der Strasse über den Splügenpass (Bauzeit: 1821-1823). Bild: Fondazione Donegani
Die Tiroler Rampe des Stilfserjochs, gesehen von der Payerhütte am Ortler. Bild: Wikipedia.

Als Heersstrasse immer wieder genutzt

Der Passverkehr über das Stilfserjoch war nie von überregionaler Bedeutung. Der Warenverkehr erfolgte über den 200 Meter tiefer liegenden – und objektiv weniger gefährlichen Pass Umbrail. Regionaler Warenaustausch zwischen dem Südtirol und dem Veltlin erfolgten aber dennoch regelmässig. Bereits zur Bronzezeit wurde dieser Übergang genutzt.

Zur Zeit der Römer führte ein Saumweg über Pass, der militärisch betrachtet von Bedeutung war. Der Übergang ermöglichte einen rasche Verlagerung von Truppen zum Schutz der Via Claudia Augusta, welche über den Reschenpass führte.

Die Wegführung erfolgte entlang der östlichen (orographisch linken) Talseite. Ab der Siedlung Stilfs führte der Pfad hoch zur Prader Alm und via heutige Furkelhütte (siehe “Kleinboden) entlang der Bergflanke zum Goldsee. Es ist davon auszugehen, dass der heutige Wanderweg in etwa der damaligen Route entsprach, welche als “Wormisionssteig” oder auch als “Wormser Steig” bekannt war. Worms war die deutsche Bezeichnung für Bormio und der Pass Umbrail hiess zur damaligen Zeit  “Wormser-Joch”.

Die Bedeutung des Übergangs darf aber nicht überbewertet werden. Lediglich dann, wenn Truppen verschoben werden wollten erinnerte man sich dieser Variante, so insbesondere während des Dreissigjährigen Kriegs. So zog 1633 ein mailändisches Heer mit 12’000 Soldaten und 1600 Pferden über den Pass, um dem österreichischen Erzherzog Leopold beizustehen. 1634 führte der Bruder des spanischen Königs  21’000 Soldaten ins Vinschgau.

Im Zuge des Risorgimento – der Einigung Italiens mit entsprechenden Befreiungskriegen gegen das habsburgische Kaiserreich – drängten sich erneut militärische Massnahmen auf. Die damals österreichischen Gebiete im Veneto und insbesondere in der Lombardei begehrten gegen die habsburgische Herrschaft auf und zur Wahrung von Ruhe und Ordnung drängte sich ihrerseits der Bau einer leistungsfähigen Heeresstrasse auf. Truppen sollten schnellstmöglich aus den österreichischen Kerngebieten nach Mailand verschoben werden können.

Zur Zeit dieser Aufstandbewegungen (1815-1870) waren drei österreichische Kaiser mit der Führung des Reichs betraut. Kaiser Franz I. (1804-1835), ihm folgte sein Sohn Ferdinand I. (1835-1848) und nach dem “europäischen Revolutionsjahr 1848” dessen Neffe, der legendäre Franz Joseph I, (1848-1916).

Franz I., Kaiser von Österreich und bis 1806 auch letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen veranlasste während seiner Regierungszeit Planung und Bau der Strasse über das Stilfserjoch. Die “Franzenshöhe” auf 2193 Metern an der Passstrasse erinnert an seine Initiative.
Ferdinand I. folgte seinem Vater 1835 auf den Kaiserthron. Der anlässlich der Eröffnung 32 jährige Kronprinz wurde zum Namensgeber der “Ferdinandshöhe” (Passhöhe des Stilfserjochs) und der nachmaligen Artilleriestellung auf dem Pass “Ferdinandsstellung”.

STILFSERJOCH ODER PASS UMBRAIL – EINE FRAGE DER NEUTRALITÄT

Wie bereits erwähnt, verlief der Warenverkehr hauptsächlich über den Pass Umbrail. Diese Route war ab Beginn des 19. Jahrhunderts mit Karren, nicht aber Fuhrwerken befahrbar. Auch diente er Truppen immer wieder zur Verlegung aus der Lombardei ins Tiroler Gebiet und umgekehrt. Ein Ausbau dieser Transitroute wäre wohl wesentlich weniger aufwendig gewesen, als der Bau einer neuen Strasse über das Stilfserjoch. Österreichischerseits wurden entsprechende Angebote unterbreitet, scheiterten aber an der Entscheidung des Wiener Kongresses 1815, der Schweiz eine Neutralität aufzuerlegen. Diese liess zwar einen grenzüberschreitenden Strassenbau zu, die Strecke aber zur Verlegung fremder Truppen zu nutzen, lag ausserhalb aller politisch interpretierbaren Möglichkeiten.

TOURISTISCHE ENTWICKLUNG

Der Bau der Strasse, aber auch der damalige Zeitgeist führte dazu, dass das Stilfserjoch auch zum Ausflugsziel für vermögende Leute wurde. Der Tourismus in den Alpen begann Fuss zu fassen und regelmässige Postkurse führten die Herrschaften auf und über die Alpenpässe. In rascher Folge wurden dann auch entsprechende Unterkunftsmöglichkeiten an möglichst schöner Aussichtslage gebaut und eine standesgemässe Bewirtung sichergestellt. Entlang der Passstrassen entstanden Gasthäuser oder gar grosse Hotels.

Das Stilfserjoch mit den Hotels “Ferdinandshöhe” und “Dreisprachenspitze”. Im Bild links erkennbar, die italienische Strassenmeisterei an der Abzweigung zum Pass Umbrail. Quelle: Postkartenlexikon.de
Ansicht der Stilfserjoch-Passhöhe vor dem Krieg. Im Vordergrund das Hotel Ferdinandshöhe. Quelle: Postkartenlexikon.de
Das Hotel auf der Franzenshöhe. Quelle: Postkartenlexikon.de

Aufstieg entlang der Grenze

Der kurze Aufstieg vom Stilfserjoch auf die Dreisprachenspitze verläuft nach einer Spitzkehre im Südwesthang sehr bald einmal entlang jenes Grates über den bis 1919 die Grenze zwischen Österreich/Ungarn und Italien verbrieft war. Heute markiert dieser Grat die Grenze zwischen den beiden italienischen Provinzen Lombardei und Südtirol.

Auf dem Grat angelangt, bietet sich ein eindrücklicher Blick ins Trafoital mit den 22 Haarnadelkurven der Passstrasse zwischen der Franzens- und Ferdinandshöhe. Nur wenige Meter östlich der Grenzlinie erkennen wir Grundmauern welche zur österreichischen Verteidigungslinie entlang dieses Grenzgrates gehörten. Aus diesen, am Hinterhang liegenden Unterkünften wurden die Feuerstellungen auf der eigentlichen Grenze bezogen. Diese sind heute nur noch vereinzelt zu erkennen, verwirren doch verschiedene Wegspuren die im Verlauf der Jahre entstanden sind eine klare Zuordnung. Anhand nachfolgender Darstellung ist es aber möglich, diese ansatzweise zu verorten.

1. Ferdinandshöhe – 2. Haus Enzian (ehemalige italienische Finanzwache) – 3. Österreichische Unterkünfte am Hinterhang – 4. Österreichischer Maschinengewehrposten – 5. Hotel Dreisprachenspitze – 6. Der österreichische “Schweizergraben” – 7. + 8. Österreichise Unterkünfte im Schutz der Schweizer Grenze. Darstellung: Accola nach dem Originalstellungsplan von Lempruch, Archiv: MUSEUM 14/18.
Die beiden Abbildungen zeigen den Mg-Posten (4) und den Blick von der Dreisprachenspitze auf die Passhöhe. Bilder: Sammlung Imboden, Archiv: MUSEUM 14/18.
Ausschnitt aus dem Origianlplan Lempruchs (siehe oben). Quelle: MUSEUM 14/18.
Die Mg-Stellung, wie sie sich heute zeigt.

Der Ausgangspunkt auf der Dreisprachenspitze

Ein unbedeutender Geländepunkt auf  2843 m ü. M. mit drei sprachlich unterschiedlichen Bezeichnungen. Auf der Dreisprachenspitze – dem Piz da las trais Linguas wie sie romanisch bezeichnet wird oder eben der Cima Garibaldi findet sich einer der Angelpunkte der Auseinandersetzung während des Ersten Weltkriegs. Hier stand der gemeinsame Grenzstein Italiens, Österreich-Ungarns und der Schweiz. Dieser Grenzstein – er trägt die Nummer 1 – steht immer noch da. auf 2850 Metern über Meer. Seit dem Sommer 2014 hüten ihn drei Eisenfiguren und vermitteln den Besuchern die bedenkliche Geschichte, die sich hier vor über 100 Jahren ereignet hat.

Die Figurengruppe der drei Gebirgssoldaten auf der Dreisprachenspitze bei Sonnenaufgang im Sommer 2016. Bild: Daniel M.Sägesser, Archiv: MUSEUM 14/18.

Das Hotel Dreisprachenspitze

Das eindrückliche Gebäude auf dem Gipfel der Dreisprachenspitze gehörte der Familie Karner aus Prad. In deren Besitz war auch das dortige Hotel Post, in welchem das österreichische Brigadekommando ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Die Baugeschichte des Hotels Dreisprachenspitze ist kaum dokumentiert, verschiedene, (zeitlich leider nicht  verlässlich zuzuordnende) Ansichten vermitteln aber den Hinweis, dass das Haus mehrere Um- und Anbauten erfuhr.

Wichtig zu wissen: das heutige Ristorante Garibaldi wurde in den 50iger-Jahren des 20. Jahrhunderts erbaut und befindet sich nicht am identischen Standort mit dem Hotel der Kriegszeit. Die Grundmauern des Hotels sind aber gut erkennbar und befinden sich vollständig auf Schweizerboden.

Das Hotel Dreisprachenspitze vom Breitkamm aus gesehen, links Unterkunftshütten der Österreicher, im Hintergrund des Hotels der Gipfel des Kleinen Scorluzzo, links im Nebel die Naglerspitze. Quelle: Sammlung Imboden, Archiv: MUSEUM 14/18.

Nutzung als militärische Unterkunft

Nach der Mobilmachung im August 1914 beschlagnahmten schweizer Truppen das Hotel als Unterkunft für deren Grenzschutzdetachemente. Die Nutzung des Gebäudes wurde mit der österreichischen Besitzerfamilie vertraglich geregelt. Mit Kriegsausbruch (1914 befand sich Österreich-Ungarn im Kriegszustand mit Serbien und Russland) war der touristische Reiseverkehr zusammengebrochen und reguläre Gäste waren im Haus ohnehin nicht mehr zu erwarten. Entsprechend dürfte die Nutzungsabsicht des nun leerstehenden Hauses durch die schweizer Soldaten bei der Familie Karner auf rasche Zustimmung gestossen sein.

Weiter ist zu berücksichtigen, dass die Verteidigungsmassnahmen Österreich-Ungarns im Falle eines erwarten Kriegsausbruchs mit Italien vorsahen, einem italienischen Vorstoss erst im Tal entgegenzutreten und den eigentlichen Passübergang des Stilfserjochs kampflos preiszugeben. Für sie war das Haus militärisch entsprechend nicht relevant.

Antrittsverlesen des Grenzdetachements auf der Terrasse vor dem Hotel; Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Ein Beobachtergruppe protokolliert Aktivitäten der Kriegsparteien auf der Terasse des Hotels. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Ein Detachement auf dem Weg zur Versorgung der Truppen auf der Dreisprachenspitze. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18
Die Küchenmanschaft auf der Dreisprachenspitze. Wasser war auch hier Mangelware und musste mühsam und aufwendig geschmolzen werden. Quelle: Bundesarchiv, Bestand E 27, Archiv: MUSEUM 14/18

der kleine grenzverkehr

Nach

Stellungsreste auf der Dreisprachenspitze mit dem Ortler im Hintergrund

Das Truppenlager am Breitkamm (Lempruchlager)

Artillerieunterstand in der Goldseestellung

Möchten Sie in Begleitung unserer Mitarbeiter die Wanderwege begehen?

Auf dieser Seite sind Sie aufgehoben.